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Kroatien

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Das Ende von Liebe

Museum der zerbrochenen Beziehungen

Museum of Broken Relationships in Zagreb, Kroatien

Ein brauner Lederkoffer, ein gestreifter Kuscheltiger, ein Albanisch-Englisch-Lexikon, ein 100 Kronen-Geldschein: „Keep it, you’re going to use it the next time you come and see me“, steht gedruckt auf dem kleinen, rechteckigen Begleitkärtchen. Es gab kein nächstes Mal; denn die Liebe war erloschen. Darum haben sie mit rund 100 weiteren Gegenständen ihre Heimat in den verwinkelten Räumen des „Museum of Broken Relationship“ gefunden, mitten im Zentrum Zagrebs, der Hauptstadt des neuen EU-Mitglieds Kroatien.

Exponate zwischen Exhibitionismus und Therapie
Im Jahre 2004 hatte ein Künstlerpaar auf Basis eigener Erfahrungen die schlichte Idee für das „Museum der zerbrochenen Beziehungen“ entwickelt. Seitdem ist der Bestand dieses weltweit einzigartigen Ortes kontinuierlich gewachsen – auch durch weltweite Touren, um neue Exponate als Zeugnis meist schmerzlich geendeter Beziehungen zu sammeln. „Worin besteht die Motivation, die Überbleibsel einer vergangenen Beziehung in eine Ausstellung zu geben“, fragt die Informationstafel. Purer Exhibitionismus, therapeutische Hilfe oder einfach Neugierde? Als Zeichen der Abrechnung, der Befreiung, als Dank für eine gemeinsame Zeit oder eher die neu gewonnene Freiheit?

Auf jeden Fall als Abschied: Von einer vergangenen Affäre, von schönen wie schmerzhaften Gefühlen, von einer teils innerlich noch immer pochenden Liebe oder einem von Hass geprägten Rückblick auf eine letztendlich splitternde Zeit. Zum Beispiel Berlin, 2006:

„At the very end of a relationship, all sadness and pain discharge themselves in one last emotional burst. Two windows and an entrance door paid for it.“

Kann das Liebe sein?
Dieser Ruf nach dem Vergessen kann gewaltig laut sein, symbolisieren die Liebesreste Emotionen, die da waren, explodierten und wieder verschwanden oder insgeheim weiter währten. „I love you“. What a lie! Lies! Damn lies!“, schreit es aus einem kleinen Teddy. Aus den Splittern einer zerbrochenen Schreibe ragen die Reste eines Liebesbriefes. Auch die Heiratsurkunde aus Manila zeugt vom Anfang einer großen Liebe, die kein Happy End erleben durfte. Nebenan thront an einer Treppe etwas bedrohlich eine abgenutzte Axt. Nicht dass ihr jemand zum Opfer gefallen wäre. Vielmehr diente sie einem Verlassenen, um die Möbel der Ex-Geliebten zu hübschen, sauber angerichteten Holzstapel zu verarbeiten. Jeden Tag ein neues. Eine Therapie der Zerstörung? „My wish is to forgive and to forget him“, schreibt ein paar Meter weiter eine Ex-Liebende aus St. Louis. Ein Wunsch, den viele der einstigen Exponat-Besitzer wohl unterstreichen würden.

Liebe ohne Sex? Nicht hier. Hinter einem halbdurchsichtigen Kettenvorgang verbergen sich ein paar erotische Spielsachen: Ein weißer Spitzen-BH, ein nie getragener Perlenslip, zwei Handschellen, russische Kondome – und falsche Brüste:

„So, after three years together, my husband brought fake, sculptured female breasts which were, of course, larger than mine and that was the time of our biggest relationship crisis. He made me wear them during sex because they turned him on. I was disappointed and because of those sculpted, fake breasts, I left him for good.“

Konnte dies wirklich Liebe sein? Die Ausstellung erzählt rund 100 derartiger vergangener Liebesgeschichten – auf kleinen Texttafeln und über die Gegenstände selbst: Eine gerollte Haarsträhne mit rotem Bändchen. Ein Bügeleisen aus dem norwegischen Stavanger, das einst das Hochzeitskleid plätten durfte. Ein roter Mantel, der gemeinsam gekauft aber nie getragen wurde. Bad- und Küchenutensilien wie das italienische Intim-Shampoo, das ein etwas andere Ende nahm:

„After the relationship ended, my mother used it for glass polishing. She claims it’s absolutely great.“

Wenn Schlüssel Herzen öffnen
Besucher zum lachen, schmunzeln, grinsen, lächeln bringen – dies wäre zu wenig für dieses außerordentliche Museum. Denn wie das Leben hat die Liebe zwei Seiten: Und die andere ist ernst, nachdenklich, schmerzlich, tiefschürfend, wahr: Liebesgedichte gedenken viel zu früh Verstorbener, Kindertexte rufen nach ihren Eltern, Heiligenbilder hoffen auf Hilfe von oben. Berührend das rot blinkende Hundehalsband, das dem Ex-Partner auch lange nach Ende der Beziehung die Tränen in die Augen trieb. Bewegend die Geschichte aus dem slowenischen Ljubiljana über einen Schlüssel als Öffner für Flaschen und Herzen:

„You talked to me of love, gave me small gifts every day; this is just one of them. The key to the heart. You turned my head, you just did noch want to sleep with me. I realized how much you loved me only after you died of Aids.“

Und wie sollte letztendlich eine Beziehung beendet werden? Soziale Medien oder Skype sind auf jeden Fall das falsche Medium, wie ein Verflossener von seiner Fernbeziehung zwischen Berlin und San Francisco erzählt:

„The breakup occured over Skype, a ridiculous and absurd place to break up. This donation to the Museum is about absence, time, exhausting and about beeing present and wanting presence.“

Das ist sie also wieder, diese Suche nach der neuen Bestimmung für diese Symbole einer einstigen großen Liebe, die plötzlich nicht mehr war und deren Wahrzeichen heute hier einen viel besseren Platz gefunden haben, als in jedem Keller oder – Mülleimer.

Ach ja: Die Macher suchen weiterhin nach Gegenständen gescheiterter Beziehungen. Wer also noch Besitzer von Symbolen verflossener Liebesmomente ist, findet hier genau den richtigen Ort.

  • Adresse: Museum of Broken Relationship, Cirilometodska 2, Zagreb, www.brokenships.com, geöffnet täglich von 9.00 bis 21.00 Uhr, in den Sommermonaten bis 22.30 Uhr

Wenn die Hoffnungen der Ärmeren auf Wasser gebaut sind: Gedanken zu #Kroatiens EU-Beitritt

Am 1. Juli tritt Kroatien als 28. Mitgliedsland der Europäischen Union bei. Auch wenn es letztendlich von der EU-Kommission nach den bislang längsten Beitrittsverhandlungen grünes Licht bekam, sind Zweifel an der Beitrittsfähigkeit nicht verstummt. Ist das Land schon bereit, Mitglied dieses aktuell eher erweiterungs- und wirtschaftsmüden Gebildes zu sein? Warum findet dies schon jetzt statt – abgesehen von militärisch-strategischen Aspekten? Müsste Kroatien nicht erstmals selbst Maßnahmen ergreifen, um Herr von Korruption und Misswirtschaft zu werden?

Durch unsere „Stiftung für soziale Zwecke“ bin ich in den letzten Jahren viel durch dieses schöne wie vielfältige Land gereist. Meine Beobachtungen und die vielen Gespräche mit dortigen Stiftungen und sozial engagierten Menschen lassen mich mit vielen Fragezeichen die aktuellen Feierlichkeiten beobachten. Nicht falsch verstehen: Ich hoffe das Beste für dieses mutige Land. Als überzeugten Europäer überkommen mich aber Zweifel,

    • wenn ich aus den Statistiken herauslese, dass das Bruttoinlandsprodukt in den letzten Jahren nicht gewachsen, sondern 2012 um 2 Prozent gefallen ist und diese Rezession bereits 5 Jahre lang andauert;
    • wenn ich lese, dass die Arbeitslosigkeit bei 21 Prozent liegt, die Jugendarbeitslosenrate die zweithöchste in Europa nach Spanien ist, ein Arbeitslosengeld aber nur für 6 Monate bis maximal 1 Jahr bezahlt wird;
    • wenn laut nationaler Statistiken von den 4,3 Millionen Einwohnern rund 1 Million unter der Armutsgrenze und 1,75 Millionen an der Armutsgrenze leben;
    • wenn Verantwortliche wie der frühere Außenminister und künftige EU-Parlamentarier Tonino Picula auf die paradoxe Situation hinweisen, dass junge Menschen in Kroatien tendenziell schlechter leben werden als ihre Eltern;
    • wenn ich bedürftige Menschen besuchen will und diese samt Kindern in Heizungskellern finde, zu denen auf Häuserrückwänden versteckte Kellertreppen oder ein geöffnetes Fenster führen;
    • wenn ich zu Familien in Wohnungen komme, die mit ihren sechs schulpflichtigen Kindern in zwei Zimmern und auf 40 Quadratmetern beengt leben und sich sogar noch glücklich schätzen dürfen;
    • wenn ein Sozialsystem die Armen mit genau 100 Euro pro Monat und pro Familie „unterstützt“ – und dies bei den vierthöchsten Wohnungsnebenkosten in Europa;
    • wenn die Kosten für einen Kindergartenplatz bei monatlich 100 Euro pro Kind liegen und damit nur von Familien mit mittlerem bis höherem Einkommen finanziert werden können;
    • wenn das Bildungssystem zwar 18 Prozent aller Kroaten ein Studium ermöglicht, diese aber – wie von uns geförderte Studentinnen regelmäßig berichten – nach Abschluss keine Chance auf einen Job haben, da nur „Beziehungen“ zählen;
    • wenn ich an die Bosnier und Roma denke, die teils versteckt als Heimatlose im Land leben, in Kroatien unerwünscht sind, aber nicht in ihre Heimat zurückdürfen, da diese nach dem Kriegsende nicht mehr existiert oder von anderen „besetzt“ ist;
    • wenn ich in Zagreb einerseits Marmor-Einkaufspassagen mit Luxus-Labels drin und Edelkarossen davor, andererseits wirkliche Blechhüttensiedlungen besuche, also Arm-Reich-Spannen, wie ich sie selbst bisher live nur in Südamerika erlebt habe;
    • wenn ich den unglaublichen Reichtum vieler Menschen sehe, ob aus traditionell-familiärem Hintergrund oder aber als „Neu-Reiche“, deren plötzliches Kapital aus eher unbekannten Quellen stammt und die daher von Bewohnern mit Namen wie „Warlords“ oder „Kriegsgewinnlern“ betitelt werden;
    • wenn ich an den religiösen Symbole in den Wohnungen erkenne, wie der tiefe Glaube gerade der Armen Lösung und Problem zugleich ist, da die Kirche einerseits sich als einzige um sie kümmert, andererseits aber mit ihrer Ablehnung von jeglicher Verhütung viele familiäre Probleme indirekt mitfördert;
    • wenn ich mir über das Land verteilt die noch von den Balkankriegen sichtbar gebliebenen, zerstörten Häuser ansehe und in den Gesprächen den bei vielen noch immer brodelnden Hass gegenüber Serben – einem weiteren baldigen EU-Aspiranten – höre;
    • wenn eine frühere Europa-Begeisterung angesichts der Geschehnisse in Griechenland oder Slowenien kräftige Risse bekommen hat und sich viele trotzdem weiterhin an diese einzige, von den politischen Verantwortlichen genährte Hoffnung klammern.

    Und die Lösung? Ich habe keine. Nur bin ich skeptisch, wenn Hoffnungen jetzt auf das Konstrukt Europa gesetzt werden. Probleme können nur innerhalb des Landes von den Menschen selbst gelöst werden. Ansonsten kann sich die jetzige Skepsis gegenüber Europa schnell in einen Alptraum verwandeln – in erster Linie für Kroatien, aber auch für Europa.

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