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Meine Gedankenspiele: 11 Lese-Tipps aus dem Mai

Digitales Wissen (14): Der Business Transformation Process

Ende des Jahres 2012 hatte die Altimeter Group 700 Kommunikationsstrategen von Organisationen nach ihrem Stand bei der Integration von Social Media in die Unternehmensprozesse befragt. Auf Basis der Ergebnisse erstellte sie einen Studienbericht mit dem Titel „The Evolution of Social Business: Six Stages of Social Business Transformation“. Selbst wenn er heute bereits ein paar Jahre alt ist, sind die Ergebnisse für jeden Business Transformation Prozess noch immer durchaus lesenswert und nachvollziehbar. Dies ist auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass im Durchschnitt US-amerikanische Unternehmen den deutschen bei dem Digitalisierungsprozess ein paar Jahre voraus sind.

Six Stages of Social Business Transformation

Six Stages of Social Business Transformation by Altimeter Group, 2013

In dem Bericht verdeutlichen die Studienautoren und Altimeter-Group-Kollegen, Charlene Li und Brian Solis, welche sechs Stufen eine Organisation innerhalb des Business Transformation Prozesses durchlaufen muss, um wirklich „social“ zu werden. Dabei lassen sich die im Folgenden beschriebenen Stufen durchaus auf die gesamte digitale Transformation sowie auf die Implementierung einer digitalen Kommunikationsstrategie übertragen.

In seinem Blog-Beitrag zur Grafik beschreibt Brian Solis klar die stufenweise Vorgehensweise, die hier wiedergegeben und interpretiert wird.

Phase 1: Planning
Zu Anfang eines Prozesses muss herausgefunden werden, wie Kunden und Partner die digitalen Kommunikationskanäle nutzen. Unternehmen müssen in dieser „Planning“-Phase vor allem zuhören lernen, was ihre Kunden, ihre Mitarbeiter, ihre sonstigen Stakeholder an Interessen, an Problemen, an für sie relevanten Themen haben. Mittels des Einsatzes von Pilotprojekten sollte sichergestellt werden, dass einerseits die Strategieentwicklung auf einer festen und mit Daten und Fakten abgesicherten Basis steht und dass andererseits die internen Stakeholder ebenfalls eng in den Prozess miteingebunden bzw. zumindest ausführlich informiert sind.

Phase 2: Presence
Im 2. Schritt stecken Unternehmen verstärkt ihre „Presence“ ab; sie zeigen sich in den digitalen Medien. An der Stelle sollten bereits die ersten Messzahlen definiert werden. Im 3. Schritt „Engagement“ wird über einen kontinuierlichen Dialog eine Beziehung zu den Stakeholdern aufgebaut und durch regelmäßige Interaktionen vertieft. Unternehmen zeigen folglich nach außen, dass ihnen die Beziehung wichtig ist. Sie investieren ausreichende Ressourcen, um ihren Ansprüchen gerecht zu werden – nach innen wie nach außen. Sie führen Dialoge, liefern Support, zeigen Einsatz und fördern zudem das Engagement der Mitarbeiter durch den Einsatz eigener unternehmensweiter Netzwerke.

Stufe 3: Formalized
Die Stufe „Formalized“ ist eng verbunden mit dem Begriff der „Corporate Governance“. In der Phase sind entlang der eigenen Strategie nicht nur klare Geschäftsziele zu definieren und ständig zu überprüfen. Auch die Leitung der Organisation sollte fest hinter dem Engagement stehen. Jegliche Aktivität ist vor der Implementierung mit den weiteren Unternehmens- und Kommunikationsaktivitäten eng zu vernetzen. Zudem muss sich die Organisation auf Krisen und Rückschläge vorbereiten, indem sie sich gut verständliche und ständig überprüfte Krisenreaktionspläne für den Ernstfall zulegt.

Stufe 4+5: Strategic + Converged
In der darauf folgenden fünften Stufe „Strategic“ werden die digitalen Aktivitäten verstärkt in die einzelnen Unternehmensbereiche integriert. Sie bekommen höhere Sichtbarkeit, da sie deutliche Auswirkungen auf die Geschäftsziele bzw. die Geschäftsausrichtung haben. Das Unternehmen ist auf dem Weg, ein „Social Business“ zu werden, was in der Endstufe „Converged“ schlussendlich erreicht ist. Zu dem Moment haben Organisationen ihre Social Media und sonstigen digitalen Aktivitäten mit der Unternehmensstrategie verschmolzen, ist die digitale Transformation inklusive der diversen digitalen Aktivitäten nicht nur in allen Unternehmensbereichen integriert: Sie wird auch von allen Beteiligten gelebt.

Fazit: Unabhängig von der Anzahl der Stufen stellt der Prozess hohe Herausforderungen an die Weiterentwicklung der Unternehmenskultur. Dies lässt sich beispielsweise aus der „2014 State of Digital Transformation Survey“ der Altimeter Group gut herauslesen. 63 Prozent der Befragten bezeichneten darin die Veränderung der Unternehmenskultur („Changing company culture“) als die wichtigste Herausforderung, um den Weg der digitalen Transformation vollziehen zu können.

Bisherige Beiträge in der Serie „Digitales Wissen“

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Fachbuch "Die digitale Kommunikationsstrategie" im digitalen Zeitalter. Von Dominik Ruisinger.

Hinweis: Dieser „Ausflug“ entstammt meinem neuen Buch: „Die digitale Kommunikationsstrategie. Praxis-Leitfaden für Unternehmen. Mit Case Studys und Expertenbeiträgen. Für eine Kommunikation in digitalen Zeiten.“ Weitere Infos zum Buch, Hintergründe zur Entstehung des Leitfadens, Vorstellung der Gastautoren und verwendete Studien, Bestellung von Rezensions-exemplaren sowie ein Link zur Buchbestellung finden sich hier.

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Gedankenspiele: 10 Lese-Tipps aus dem Januar 2017

Die etwas anderen Trends 2017

Das Ende eines Jahres ist immer auch der Blick in die Zukunft, was so viel wie das nächste Jahr bedeutet. Was ist dort zu erwarten, gerade in einer Branche, die mit Volldampf von der einen Entwicklung zur nächsten rauscht und viele Marktteilnehmer erstaunt, überrascht, ungläubig, begeistert bis entgeistert zurücklässt? Und das innerhalb einer Blase, die immer stärker den Blick nach draußen verwischt und verliert und in der viele diese bereits mit der Wirklichkeit irrtümlicherweise verwechseln? Ich habe mal einen etwas anderen Blick probiert, auch wenn ich einigen der Prognose nicht alleine dastehen werde.

1) Der eiserne Blick der Controller

In den vergangenen Monaten wurde viel über Ziele und über Monitoring diskutiert. Was mir auffiel: Es wurde vor allem über Social Media Ziele gesprochen. Oder generell über Ziele in der digitalen Kommunikation. Nur, wenn ich einmal die Haltung eines Geschäftsleiters übernehme: Was bringt mir eine hohe Interaktionsrate? Ein hoher Retweet-Quotient? Eine steigende Klickrate oder Click-Through-Rate? Aus Unternehmenssicht erst einmal nichts. Gar nichts. Denn jede Erhöhung könnte auch mit einem Problem, einem Skandal, einem Missverständnis, mit einem kommunikativen Beschleunigungsgrund zu tun haben. Und außerdem: Wie zahlen solch steigende Zahlen auf das Unternehmensergebnis ein?

Genau die Beantwortung dieser Frage wird eines der Top-Trends des Jahres 2017. Übersetzt heißt dies: Auch die digitale Kommunikation wird immer stärker ins Auge des Controllings geraten, sie wird diskutiert werden, in Frage gestellt werden. Sie muss bei der Erfüllung von übergeordneten strategischer Zielen vergleichbar sein, gerade aus Sicht anzustrebender ganzheitlicher Erfolgsergebnisse. Dieser notwendige Umdenkungsprozess war übrigens eines der Hauptgründe, warum ich das Buch über „Die digitale Kommunikationsstrategie“ geschrieben habe, das vor wenigen Wochen herausgekommen ist.

2) Maschinen statt Menschen

Mit dem Zeitalter der Messenger hat auch das Zeitalter der Bots begonnen. Dies ist kaum jemand verborgen geblieben. Dazu genügt es, sich nur ein paar wenige Aspekte vor Augen zu führen:

Messaging Social Networking Apps

Messaging Apps vs. Social Networking Apps

Stichwort Messenger: Während die App-Nutzung generell zurückgegangen ist, hat die Nutzung der Messenger-Apps die Nutzung der Social Networking-Apps seit Ende 2015 bereits übertroffen (siehe Abb.). Und es gibt kaum ein Grund, der gegen ein Fortschreiten dieses Trends spricht. Denn sie werden vielfältig eingesetzt: 1-to-1 für Beratung und Service, 1-to-many für Informationen per Newsletter.

Stichwort Bots: Die Facebook Messenger Plattform zählt bereits heute weltweit über 35.000 Bots, damit Unternehmen automatisiert mit ihren Zielgruppen „kommunizieren“ können. Tendenz weiter wachsend. Die Einsatzbereiche der automatisierten Tools sind dabei vielfältig: Ob zur Information, als Service oder für den eCommerce – und natürlich in jeglicher Mischform.

Ihr Zeitalter wird in 2017 erst wirklich beginnen, mit allen positiven Chancen wie negativen Auswirkungen. Und die Frage: „Ist das jetzt ein Mensch oder eine Maschine“ werden wir immer seltener beantworten vermögen.

3) Rückzug ins Private

Während „private“ 1-to-1-Tools ihren Siegeszug bei den Usern feiern – egal ob sie jetzt WhatsApp, Facebook Messenger, WeChat oder Snapchat heißen –, ist die Bereitschaft der Nutzer, sich öffentlich in den Netzwerken zu äußern, spürbar zurückgegangen. Dies ist eine hoch interessante Entwicklung: Nutzten die Menschen ursprünglich das Internet, um sich darzustellen, schrittweise an Einfluss zu gewinnen und ihre Macht auszuüben, wie Professor Peter Kruse einst so beeindruckend wie einfach innerhalb von 3 Minuten erklärte, ziehen sie heute wieder in eine private Öffentlichkeit zurück. Das bedeutet nicht, dass die Menschen Facebook und Co. ganz den Rücken zugekehrt haben – allein die knapp 30 Mio. Facebook-Mitglieder in Deutschland sprechen dagegen. Vielmehr hat sich die Nutzung verändert: Vom aktiven Posten und Mitteilen, zum passiven Lesen und Beobachten.

Dieser beschriebene Rückzug ins Private wird durch die immer stärkere Verbreitung der Messenger Dienste weiter an Kraft gewinnen, wobei der Gewinner gerade in Deutschland ganz klar die Facebook-Produktfamily sein wird.

4) One Tool fits all

Eng mit den ersten beiden Punkten ist die Frage nach der künftigen Heimat der User, vom technischen Blick aus. Ein Blick nach Asien auf den allmächtigen WeChat Messenger erleichtert die Beantwortung der Frage, warum benötigen wir eigentlich noch so viele Apps? Genügt hier nicht ein Tool, über da sich zumindest die große Mehrheit aller Aktivitäten abwickeln lässt? Ja, es scheint zu genügen.

Und wer sich vor Augen führt, wie stark Facebook gerade die Entwicklungen bei WeChat als digitalen Alleskönner mit Argusaugen verfolgt, der weiß, wie das Duell in Deutschland heißen wird: Facebook und seine Family gegen den Rest der Welt. Und zumindest für 2017 heißt auch hier der eindeutige Gewinner: Facebook.

5) Digitaler Split

Wechseln wir auf eine andere Ebene. Die hohe Dynamik in der digitalen Branche wird immer stärker zu einer Überforderung vieler Menschen führen. Schon vor vielen Jahren warnte der damalige SPD- Kanzlerkandidat Peer Steinbrück von einer digitalen Spaltung der deutschen Gesellschaft. Es drohe „eine Spaltung in eine digitale Elite und ein digitales Analphabetentum, das hoffnungslos abgehängt werde“, so Steinbrück auf der CeBIT 2013.

Diese Spaltung, dieser digitale Gap ist heute bereits da, wie zentrale Studien wie der D21-Digital-Index jedes Jahr von neuem verdeutlichen. Mangelnde Digitalkompetenz quer durch die Bevölkerung war auch die Kernaussage der im November publizierten Ausgabe 2016. Danach liege der Digitalisierungsgrad der Deutschen „weiterhin bei 51 von 100 bestmöglichen Punkten und entspricht damit einem gerade so Schritt-halten-Können mit den wachsenden Anforderungen durch die Digitalisierung“.

Diese Spaltung in digital „ready“ und digital „lost“ wird sich weiter vertiefen, auch da viele Branchen sowie die Institutionen die Folgen und Chancen verschlafen und Change-Prozess mit Blick auf die Möglichkeit eines Scheiterns vermeiden, wie beispielsweise der Investor Frank Thelen zu Recht anmahnt: „Du musst dein bestlaufendes Produkt oder dein gewinnbringendstes Businessmodell jederzeit hinterfragen und notfalls killen können. Die Bereitschaft dazu sehe ich in Deutschland nicht. Und das ist unser Problem.“

6) Digitaler Burnout

Die Allmacht der Digitalisierung inklusive ihrer kommunikativen Instrumente führt schon heute zu einer Überforderung – und zu wirklichen Opfern. Begriffe wie „Information Overload“, „Content Shock“ oder „Slow Media“ sind hier nur der Anfang. Gerade unter Menschen, die dem Prozess nicht mehr folgen können oder wollen, lässt sich vom Prinzip des „Digitalen Burnouts“ sprechen. Weil sie dem Tempo nicht mehr folgen können, weil sie auf die enormen Veränderungsprozesse nicht vorbereitet sind, weil sie aus einer gewohnten Umgebung herausgerissen werden, die ihnen eine – trügerische – Sicherheit vermittelt hatte, weil von ihnen Dinge und Changes gefordert und erwartet werden, weil sie eine innere Ruhe gegen neue Horizonte eintauschen müssen, was viele als ungemein spannend, andere als erschreckend und verstörend wahrnehmen. Über diese überforderte und sich gleichzeitig selbst überfordernde Gesellschaft habe ich kürzlich erst geschrieben.

Nur: Wo ist hier die Lösung in einer hoch vernetzten und jeden Tag noch stärker digitalisierten Welt? In einer Welt, in der niemand den Stecker ziehen wird und kann, um vielen wieder etwas mehr innere Ruhe zu gönnen, bevor die nächste Veränderungswelle kommt? Nein, diese Überforderung wird auch 2017 weitergehen – und unsere Gesellschaft noch stärker spalten: In Menschen, die die digitale Change-Prozesse in Unternehmen und in der Kommunikation als Chance erkennen, verstehen und auch aushalten können; sowie in Menschen, die immer stärker den Veränderungen unterliegen, die aber in unserer Gesellschaft teils auch notwendig sind.

Ist das jetzt ein Schrei nach dem neuen Offline? Nein, nicht ganz und nicht unbedingt. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich noch erzählen werde. Aber nicht als Trend. Und nicht heute.

 

Eine überforderte Generation?! Ein nachdenklicher Blick auf „uns“.

 

Nachdenklich würde ich die Phase nennen, die ich derzeit durchlebe. Sehr nachdenklich. Vieles passiert gerade um mich herum. In meinem direkten privaten Umfeld. Aufregendes und Aufwühlendes zugleich. Die Digitalisierung mit ihrer Vielfalt an Möglichkeiten und Instrumenten spielt ihre Rolle. Aber eher als Verstärker und Beschleuniger. Für eine überforderte und sich selbst überfordernde Generation. Doch um was geht es konkret? Oder anders gefragt: Woran krankt die Gruppe?

Freunde, die mit einem Schlaganfall zusammenbrechen, die sich selbst in psychatrische Kliniken einweisen, die ihren hoch bezahlten Stress-Job gegen einen qualitativ schlichteren einlösen, die vor dem Hintergrund hoch anspruchsvoller Aufgaben nicht mehr schlafen, die sich von Depressionen geplagt aus dem Fenster stürzen, die sich angstvoll vor der nächsten E-Mail fürchten, die ihren Psychiater als ständigen Begleiter benötigen, um wieder den eigenen Weg zu finden oder die eines Tages ausbrechen, aufbrechen und aussteigen.

Alles real. Alles Personen zwischen 40 und 50 Jahren. Alles Angestellte, Bereichsleiter, Geschäftsführer. Meist mit Verantwortung für sich und für andere. Mit Anforderungen, vor denen sie plötzlich kapitulieren. Weil sie sich überfordert fühlen. Weil sie am Rande ihrer Kräfte sind. Weil sie nicht mehr können. Weil sie immer weniger weiterwissen. Dann ist der Moment da, der mit einem Schlag vieles verändert: Das eigene Leben, die Familie, die Umgebung, die Existenz. Ja, es läuft etwas falsch in unseren Leben. Zumindest bei vielen. So erlebe ich derzeit das Umfeld meines eigenen Lebens.

Die USA als „Vorbild“
Viele dieser Brüche sind gekettet an eine veränderte Arbeitswelt. Die Zeiten, in denen man noch einen Beruf ergriff und ihn dann sein Leben lang ausführte, ja, die Zeiten sind vorbei. Und dies insbesondere seit meiner Generation. Also von Menschen, die heute grob zwischen 40 und 50 Jahren alt sind. Während sich noch die große Mehrheit unserer Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten in ihrem Berufsleben höchstens einmal von ihrem Job trennte – oder aber ungewollt getrennt wurde –, gelten solche Menschen heutzutage als aussterbende Spezies. Für alle anderen gilt: Gestern dort, heute hier, morgen da. Zu Lasten oft von sich selbst und ihrem direkten Umfeld; und übrigens damit auch ihrer Arbeitgeber. Und mit einer zu tragenden Last ausgestattet, deren Gewicht sie sich erst spät bewusst werden. Und häufig deutlich zu spät.

Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir vor rund zwei Jahrzehnten mit etwas Verwunderung – in die sich Bewunderung wie Verwirrung mischte – auf den US-amerikanischen Arbeitsmarkt blickten. Mitarbeiter wechselten dort äußerst häufig ihren Arbeitsplatz, gewollt wie ungewollt. Alle zwei bis drei Jahre. „Hire and Fire“ nannte sich das. Auf der einen Seite trug dazu die schwache arbeitsrechtliche Arbeitnehmer-Position bei, die von ihren Arbeitgebern ohne Angabe von Gründen leicht und schnell gefeuert werden konnten. Auf der anderen Seite galt gerade für eine jüngere, gut ausgebildete, nachdrängende Generation das längere Verharren auf einem Job als Zeichen, dass man nicht nach oben wollte, dass man keinen Ehrgeiz hatte, dass man nicht an sich selbst glaubte. Das Ergebnis war ein „Hire and Fire“ – aber intern wie extern provoziert.

Wenn Anforderungen an der Kraft nagen
Eine ähnliche Entwicklung lässt sich immer stärker bei uns in Deutschland beobachten. Und auch hier mit internen wie externen Beweggründen verbunden. Viele jüngere Menschen nehmen das dauerhafte Wechselspiel als ihren persönlichen Change- und Entwicklungsprozess an. Ein befreundeter Agenturchef bezeichnet sein Unternehmen sogar bereits als „eine pure Stufe auf einer Karriereleiter“. Viele jüngere Arbeitnehmer würden kommen, ausgebildet werden, eingearbeitet werden und bald schon wieder nach etwas Neuem streben. Ganz anders das Bild bei vielen älteren Arbeitnehmern, auch bei Selbstständigen. Sie fühlen sich überfordert, mit den immer schnelleren Veränderungen umzugehen.

Ich kenne heute viele, bei denen der Satz „Wie soll ich das heute noch alles schaffen“ zu einem täglichen zentralen Leitspruch geworden ist. Als eine Art Hilferuf, weil sie vielen Anforderungen immer schwieriger und mühsamer genügen können. Nur, was nagt und kratzt konkret an ihren Kräften?

  • Das Alter: Dass mit 40 bis 50 Jahren die Anstrengungen im Berufsalltag nicht mehr ganz so spurlos weggesteckt werden wie mit Mitte 20, das ist verständlich und nachvollziehbar. Die Jahre auf dem Buckel haben Spuren hinterlassen, Energiereserven sind stark ausgeschöpft. Die Wahrnehmungs- und Verarbeitungsfähigkeit haben nicht mehr die vor Kraft strotzende Intensität wie notwendige Leichtigkeit, die sie einst hatten. Und das ist zu spüren. Gerade bei für den Geist und für die Seele anspruchsvollen Aufgaben.
  • Die Konkurrenz: (Fast) Jeder Mitarbeiter ist ersetzbar. Von Maschinen oder von Menschen. Und vor allem dann ersetzbar, wenn die andere Person jünger, fitter und gut qualifiziert ist. Plötzlich merkt der Arbeitnehmer, der Selbstständige, der Freelancer, dass der Begriff „Erfahrung“ doch nicht ein so hohes Gut ist, als was er oftmals beschrieben und gepriesen wird. Wenn die Konkurrenz hinter dem Arbeitsstuhl drückt, so trägt es bei den meisten nicht gerade zu einer Beruhigung des eigenen Nervenkostüms bei.
  • Die Erreichbarkeit: Arbeitnehmer sind heute für ihre Jobs immer da. Selbst in den Ferien. Laut einer Studie sind 60 Prozent der Führungskräfte auch im Urlaub erreichbar. Das ist irgendwie auch nachvollziehbar. Schließlich wollen sie sicher gehen, dass die Geschäfte auch während ihrer Abwesenheit weiterhin gut laufen. Nur gilt dies auch für sonstige Arbeitnehmer. Einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom zu Folge sind 67 Prozent der Arbeitnehmer im Urlaub für ihren Arbeitgeber zu erreichen. Dabei stehen laut Bundesurlaubsgesetz – was es für Gesetze gibt! – jedem Arbeitnehmer mindestens vier Wochen arbeitsfreie Zeit zu, um sich zu erholen. Schon mit Anrufen wird der Urlaubszweck gestört. Nur wer beschwert sich? Niemand. Die Überall-und-Immer-Erreichbarkeit ist für viele fast schon normal. Hinzu kommt: Jeder dritte Beschäftigte ist sich unsicher, ob Kollegen oder Vorgesetzte von ihm erwarten, dass er in der Freizeit auf ihre Kontaktversuche reagiert. Also nimmt er doch lieber die Erreichbarkeit gleich in Kauf.
  • Das Ende des Privaten: Die dauernde Erreichbarkeit ist eng mit einem weiteren Phänomen zu sehen, unter dem unsere Generation leidet – ob bewusst oder unbewusst. Die immer stärkere Vermischung von Privatem und Beruflichem. Die Zeiten, in denen die schönsten Wochen des Jahres dem völligen Abschalten gewidmet sind, fernab von Aufgaben, Verantwortungsbereichen und Problemlösungen, diese sind vorbei. Nur: Wenn es keine Trennung mehr gibt, wird plötzlich alles beruflich und damit Job relevant. Und damit stets involvierend. Völliges Abschalten? Zumindest schwierig.
  • Der Information-Overload: Eine immer stärker digitalisierte Gesellschaft transportiert bei vielen Menschen auch Unsicherheit. Sie haben das Gefühl, nicht mehr mitzukommen. Sie fühlen sich überfordert, angesichts einer kontinuierlich steigenden Anzahl an Informationskanälen, Instrumenten, Quellen, Medien. Sie fragen sich: Wie soll ich diesen Content-Shock noch ordnen und für mich bewerten, um noch „mitzukommen“? Auch bei dem Punkt stellt sich eine Art von Frustration ein, verbunden mit der Angst vor dem Jobverlust und dem langsam aufkommenden Gefühl, vielleicht eines Tages nicht mehr gebraucht zu werden.
  • Die menschliche Ferne: Dass der Studienort nicht mehr dem Ort der Geburt oder der Schule entspricht, daran haben wir uns gewöhnt. Dass die Arbeitsorte sich den Lebensorten immer stärker entkoppeln, setzt noch einen drauf. Mit hohen Auswirkungen auf das Leben. Denn diese Trennung stellt enorme Herausforderungen für Beziehungen und für Familien. Schon heute werden laut Statistik 14 Prozent aller Partnerschaften in einer Fernbeziehung geführt, in denen einer der Partner pendelt und sich beide nur am Wochenende sehen. Der häufigste Grund für diese Form ist der Job. WhatsApp, Skype, dem Facebook Messenger oder FaceTime heißen die wichtigsten Beziehungspflege-Instrumente. Aber wo ist die Person, die einen auch gerade in schwierigen Momenten stützt? Aus den dunklen Gedanken reißt? Die ganz nahe ist, wenn das Schwarze vor Augen immer pechschwärzer wird und keine Lichtstrahlen mehr durchlässt? Die hält, bewahrt, beschützt, aufrüttelt, hilft? Und zwar vor Ort?

Wir, die Kräfte-Nagetiere
Der Umwelt die Schuld für die Last zu geben, die zu heben und zu tragen ist, das wäre zu einfach. Schuld hat an dem „Phänomen“ niemand, höchstens man selbst. Denn wir, die Generation, sind es nämlich auch selbst, die der Situation nichts entgegen setzen, sondern sie aktiv fördern.

  • Der dauernde Ehrgeiz: Auch die 40plus-Generation fühlt sich weiterhin ganz jung. Und sie tut alles dafür, nicht alt zu sein. Der Boom von Fitness-Center-Besuchern und Fitness-App-Downloads auch bei 40- bis 50-Jährigen ist ein gutes Zeichen dafür. Auch beruflich wollen sie weiterhin alles genauso so weitermachen wie bisher. Sie sind ja noch jung. Sie machen sich damit selbst einen gehörigen Druck, dem sie oft kaum standhalten können. Denn sie merken nicht – oder wollen es zumindest nicht wahrnehmen –, dass sich ihre Konditionen verändert haben. Und zwar in erster Linie die Konditionen ihres eigenen Körpers.
  • Der finanzielle Druck: Nach den Phasen der Schule und der Universität oder Lehre haben viele Menschen in ihren eigenen späten 30er-Lebensjahren eine Familie gegründet – oder auf jeden Fall sich ein Zuhause geschaffen. Viele dieser Zukunftspläne wurden auf Kredit finanziert: Eigentumswohnungen, Eigenheime, Familienkutsche, Ferienhäuser. Spätestens in den unsicheren Phasen eines Jobs stellt sich bei Festangestellten (Selbstständige kennen solche Faktoren der Unsicherheit deutlich näher) natürlich sofort die Frage, wie der belastende Kredit noch zu bedienen ist. Bricht an der Stelle plötzlich eine Zukunft wieder zusammen, die sie sich über die Jahre mühsam aufgebaut haben? Eine Zukunft, die auch die eigene Familie betrifft? Gerade solche Ängste können in hohem Maße zu Verzweiflung, zur Unruhe, zu nicht geplanten Taten führen, die nicht nur das eigene Leben zu zerreißen bedrohen.
  • Die eigenen Erwartungen: Der finanzielle Druck ist wiederum oft verbunden mit der Erwartung an die eigene, natürlich perfekte Familie. Gerade Männer erwarten von sich selbst, dass sie ihr alles bieten können. Als Bild nach innen wie nach außen. Hinzu kommt: Viele mir wohl bekannte Menschen haben das Ziel in sich verinnerlicht, auf jeden Fall die gesellschaftliche Stellung ihrer Eltern zu erreichen bzw. sie sogar zu übertreffen. Sie bauen sich damit – auch innerhalb der Familie – einen ungehörigen Druck auf, dem sie in guten Zeiten genügen können, von dem sie in schlechteren Zeiten jedoch schnell erdrückt werden. Aus eigenem Mit-Verschulden.

Out-of-the-Box-Solution? Fehlanzeige
Wenn ich mir solche Verhaltensmuster vor Augen führe – und meine Beschreibung ist mit Sicherheit nur ein kleiner Auszug davon –, dann werde ich nachdenklich. Nachdenklich gegenüber meiner eigenen Generation. Nachdenklich aber auch gegenüber der Generation, die folgt. Denn warum sollte sich diese beschleunigte Entwicklung plötzlich entschleunigen? Solange wir gewollt oder ungewollt, intern wie extern solch einen Druck auf uns ausüben? Finden wir dazu noch rechtzeitig die Bremse? Oder bezeichnen wir uns bald alle als Stadtneurotiker? Mit einem Psychologen oder Psychoanalytiker als ständigen Begleiter? Oder heißt die Lösung „Aussteiger“, was die hohe Beliebtheit solcher TV-Sendungen erklären könnte? Also der Traum von einem anderen Leben, in dem natürlich alles schöner, einfacher, lebensfroher sein wird …

Wie könnte eine Lösung in diesem Dilemma aussehen? Gibt es sie überhaupt? Wahrscheinlich nicht. Zumindest nicht als allgemein gültige „Out-of-the-Box-Solution“. Sicher ist nur: Diese meine Generation muss sich viel bewusster machen, dass ihre Kräfte begrenzt sind, dass es kein ewiges „Weiter-so“ geben kann, wenn sie sich nicht in einer Periode vermehrt auftretender Katastrophen wiederfinden will. Mäßigung, Entspannung, Herunterkommen, Durchatmen, Loslassen, auch Slow Media. Stattdessen müssten so die Begriffe eines Lösungsansatzes heißen. Eigentlich.

Doch wer lässt los, solange er noch nicht gefallen ist und an das eigene „Weiter-so“ noch glaubt? Kaum jemand. Was verständlich wie traurig zugleich ist. Ein Freund erzählte mir vor kurzem: „Mein Vater ist mit gut 60 Jahren aus dem Job ausgestiegen. Dem geht es heute noch ganz gut. Wie soll ich es denn noch bis zu meiner Rente aushalten? Bis dahin bin ich doch ein Wrack!“

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