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Autorisierung

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Autorisierungspraxis in der Diskussion: Wo bleibt die hiesige Konsequenz?

Im September sorgte Margaret Sullivan im Public Editor’s Journal der New York Times auch in der bundesdeutschen Medienwelt für Aufsehen: „In New Policy, the Times forbids after-the-fact ‚Quote Approval‘.“ Das Blatt würde also künftig keine Interviews mehr publizieren, bei denen Interviewte auf nachträgliches Autorisieren bestehen. Ausnahmen müssten mit der Chefredaktion abgesprochen werden. Schließlich würden die Leser unverfälschte Interviews erwarten können.

Gerade bei uns ist das Autorisieren zu einer Art Pflicht geworden, der sich die meisten Medien trotz Murren ergeben. Schließlich will man hochwertige Interviewpartner auch künftig als Autoren halten. Und wenn es alle anderen so machen … Gleichzeitig hat sich das Autorisierungsangebot zur Umschreibepraxis fehlentwickelt. War es in den Anfängen darum gegangen, gerade Zitate, Namen und Fakten nochmals auf inhaltliche Fehler zu überprüfen – also klassisches Fact-Checking –, missbrauchen gerade Politiker, Wirtschaftslenker, Prominente und deren (PR-)Berater diese Faktenkontrolle, um einmal Gesagtes besser wieder ungesagt und damit unpubliziert zu machen und im Gespräch verpasste und vergessene Themen plötzlich auf die mediale Agenda zu setzen. Das Murren bei den Redakteuren gegen diese Praxis wurde in der letzten Zeit auch bei uns immer lauter, wie ich hier bereits beschrieben habe.

Jetzt hat sich auch die Financial Times Deutschland in einem Kommentar gegen diese Unart ausgesprochen – und die vier eigentlichen Opfer des Missbrauchs benannt: Die Sprache, der Respekt vor dem Interviewpartner, das Ansehen der Presse und die Kontrollfunktion der Medien. So weit richtig und korrekt. Interessanterweise endet der Kommentar mit dem „Aufruf an die Presse: Folgen wir der „New York Times“. Setzen wir uns zusammen, um zu beraten, wie wir dem Missstand ein Ende setzen.

Ein Aufruf an alle Medien. Jetzt werde ich skeptisch. Was soll das denn jetzt? Warum setzt die Financial Times Deutschland nicht viel besser selbst ein Zeichen und schließt sich der New York Times an? Wäre dies nicht das richtige Statement, mit der nebenbei auch die Zeitung selbst viele Sympathien gewinnen können? Würden dann nicht weitere (Qualitäts-)Medien nachziehen (müssen)? Wie gesagt: Der FTD-Kommentar ist vollkommen richtig. Nur wird solch ein Aufruf an alle leider versanden, wenn die Anregung durch die New York Times vom Tagesgeschäft wieder überholt ist. Genau das ist aus heutiger Sicht zu befürchten.

Guter Trend: New York Times will späteres Autorisieren von Interviews ablehnen

Gerade Kommunikationstrends aus den USA kommen immer mit etwas Verzögerung zu uns nach Deutschland. Bei dieser aktuellen Diskussion hoffe ich, dass es deutlich schneller geht. Worum es geht? Die New York Times will künftig Interviews ablehnen, die Interviewte später noch autorisieren wollen:

New York Times: „In New Policy, the Times forbids after-the-fact ‚Quote Approval‘.“ 

Auf diese Weise würde die Echtheit des Interviews für den Leser verloren gehen bzw. verfälscht werden. Wenn man bedenkt, welche negativen Entwicklungen die in Deutschland übliche Autorisierungs-Praxis bei uns zeigt, dann muss man Fernsehkritiker Hans Hoff recht geben, wenn er das Autorisieren als „Plage“ bezeichnet oder andere bereits von einem „Autorisierungswahn“ schreiben. Viele Medien reagierten darauf in der Vergangenheit dahingehend, dass sie nach der „Autorisierung“ Interviews entweder gar nicht druckten – wie aktuell DWDL beim X-Faktor-Interview, den Beitrag teils oder vollkommen geschwärzt publizierten oder die Veränderungen sogar sichtbar machten.

Um nicht missverstanden zu werden: Für ein Fact-Checking, um beispielsweise inhaltliche Fehler und Fakten noch vor der Publikation zu korrigieren, sind gemeinsame Absprachen gerade nach Interviews durchaus sinnvoll. Nur interpretieren viele Unternehmen, Agenturen und gerade Prominente diese Option eher dahingehend, dass sie ganze Beiträge in ihrem Sinn noch komplett umschreiben könnten. Wenn die jetzige Initiative der Times auch bei uns diesen negativen Auswüchsen ein Ende bereiten würde, wären (fast) alle glücklich.

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