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Warum 30u30 ein erstes gutes Zeichen für den PR-Nachwuchs ist

Vor gut einem Jahr habe ich hier im Blog heftig die Nicht-Vergabe eines Nachwuchs-Preises bei den PR Report Awards kritisiert. Daraus hatte sich eine spannende und positive Diskussion rund um das Thema Nachwuchs-Förderung entwickelt. Bei der gestrigen PR Report Awards-Ausgabe in Berlin wurde jetzt wieder ein Preis an drei Nachwuchskräfte vergeben – stellvertretend für die Initiative 30u30 (Disclaimer: Ich unterstütze diese Initiative), die der PR Report selbst initiiert hatte.

Diese Vergabe ist eine Auszeichnung, eine Belobigung, ein Zeichen der Unterstützung und Anerkennung. Sie macht deutlich, wie wichtig der PR-Branche ihr Nachwuchs ist. Gleichzeitig ist sie als indirekte Aufforderung zu verstehen, wie intensiv sich die Branche weiterhin um seine Förderung kümmern muss. Denn der Kampf um gut qualifizierten Nachwuchs, der “War for Talent“, wird wie in vielen anderen Branchen weitergehen.

Tweet von den PR Report Awards 2013

Tweet von den PR Report Awards 2013

Dies betrifft insbesondere die Agenturen, die immer stärker mit Unternehmen und Organisationen um die Gunst der Nachwuchskräfte konkurrieren – ob um Auszubildende, Studierte oder Quereinsteiger, wie auch Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach von den PR Report Awards twitterte.

Doch müssen sich nicht dazu gerade die Agenturen ändern? Ja, sie werden es. Denn für viele Bewerber hat die “Coolheit” und “Hippness” von Agenturen lange nicht mehr die Anziehungskraft als Arbeitsplatz, die es vielleicht früher mal hatte. Für viele sind Eigenschaften wie Sicherheit, geregelte Arbeitszeiten, höhere Gehälter relevanter, die wiederum nur wenige Agenturen bieten können.

Die Suche nach Agenturmodellen der Zukunft
Vor ca. sechs Monaten kam die immer noch viel zu wenig beachtete Studie “Agenturen der Zukunft” heraus, die ich damals für das PR-Journal besprochen hatte. Auf Basis von 134 befragten Brancheninsidern formulierte der Think Tank die zentralen Herausforderungen, die Agenturen der Zukunft erfüllen sollten. Unter anderem meinten 85 Prozent, dass Agenturen künftig Aufträge nur noch in Netzwerken umsetzen könnten; 72 Prozent erwarteten eine verstärkte Digitalisierung auch der Organisationsstrukturen; 75 Prozent glaubten, dass die Zahl freier Mitarbeiter deutlich zunehmen und die Rekrutierung aufwändiger werden würde.

Damit wurde deutlich, dass Agenturen angesichts des gesellschaftlichen Wandels und veränderter Lebenseinstellungen neue Agenturmodelle gestalten bzw. sich personell und strukturell neu – Stichwort “vernetzter” – aufstellen müssten. Künftige Geschäftsmodelle sollten einerseits Mitarbeiter stärker beteiligen, andererseits diesen deutlich mehr Freizeit einräumen.

Neue Arbeitsformen, bessere Work-Life-Balance, hohe Flexibilität bei Arbeitszeiten, Home Office sind einige der Argumente für die Attraktivität eines Arbeitsplatzes – neben dem vernünftigen Gehalt. Doch haben sich die Agenturen hierzulande diesem bereits angepasst? Meine Beobachtungen sagen, dass sie bei diesem Wandel erst ganz am Anfang stehen. Noch immer versuchen viele neue Mitarbeiter eher mit der “Sexyness von Agenturen gegenüber Unternehmen” zu überzeugen. Dabei sind in den kommenden Jahren kräftige Schritte notwendig, um in diesem – immer etwas martialisch klingenden – “War for Talent” zu bestehen, schrieb auch Mirko Kaminiski in der April-Ausgabe des PR Magazins:

Schon in wenigen Jahren werden die ersten Agenturen existenzielle Probleme bekommen, weil sie keine Leute mehr finden. Die Prioritäten der Bewerber verändern sich, die haben heute ganz andere Werte. Sie definieren sich viel weniger über den Job, haben weit höhere Ansprüche in Sachen Work-Life-Balance. Man könnte sagen: Die Bereitschaft zur Selbstausbeutung nimmt ab.

Vielfältiges Recruitment im Silicon Valley
Vor ein paar Tagen bin ich aus Paris zurückgeflogen. Beim Blätter durch die Tageszeitung Le Monde bin ich auf einen spannenden Beitrag gestoßen: “Les enfants gâtés de la Silicon Valley” beschreibt, mit welchen Angeboten US-Unternehmen gerade in der Technologie-Branche Talente ködern. Und zwar, in dem sie diesen immer mehr Angebote machen und Freiheiten einräumen. Die Besonderheiten auf dem Google-Campus wurden bereits viel beschrieben: Gesundes Essen in den Restaurants, Fitness-Räume, Massagen und Yoga, Wäschereien und Haushaltsservices alles gratis, Smartphones, Tablets und weitere Gadgets als Geschenk, ein WLAN-vernetzter Bus als Arbeitsplatz, der jeden einzelnen Mitarbeiter jeden Morgen in den Straßen von San Francisco aufliest und später dorthin zurückbringt.

Die Liste dieser Leistungen, wie sie auch Facebook und Co. bieten, ist lang. Und sie wird immer länger: Wie wäre es mit bezahlten Ferien? Oder unbegrenztem Urlaub? Evernote bietet seinen Mitarbeitern 1.000 Euro, wenn sie mindestens eine Woche Urlaub pro Jahr machen. Zudem ermutigt das Unternehmen – so die Recruitment-Chefin Mindie Cohen – seine Mitarbeiter, grenzenlos Urlaub zu nehmen. Das heißt, Mitarbeiter können die Länge ihres Urlaubs selbst bestimmen; sie müssen nur den Zeitpunkt ihrer Rückkehr im Vorfeld angeben. Auch die Ticket-Plattform Eventbrite fährt bewusst dieselbe Politik, betont Julia Hartz, eine der beiden Gründerinnen: “Die Mitarbeiter, die am meisten Urlaub nehmen, sind meist auch die, die am besten ihre Ziele erfüllen.”

Unbegrenzter Urlaub zählt so bereits heute zu den Preisen, die Unternehmen im Valley zahlen müssen, um im “War for Talent” Nachwuchskräfte anzuziehen und an sich zu binden. Und es scheint sich zu lohnen. So überrascht es nicht, dass viele gerade hochqualifizierte Mitarbeiter aus der ganzen Welt in diesen Unternehmen anheuern wollen und Google & Co. zu den beliebtesten Arbeitgebern weltweit machen.

Nicht dass ich jetzt sagen will, dass hiesige PR-Agenturen diese Maßnahmen 1-zu-1 übernehmen sollten. Dies ist oft nicht möglich. Nur müssen sie sich künftig noch genauer überlegen, wie sie ihre Mitarbeiter holen und vor allem auch über die Jahre binden, um keine Durchlaufstation auf der Karriereleiter zu bleiben, wie mir gegenüber kürzlich ein Agenturchef zu bedenken gab. Dass sich die Branche durch Auszeichnungen wie jetzt beim PR Report Award um den Nachwuchs kümmern will, stimmt auf jeden Fall optimistisch. Umso wichtiger ist, dass gerade solche Initiativen wie 30u30 weitergehen.

About dominikruisinger

Ideen, Gedanken, Anmerkungen von Dominik Ruisinger – Journalist, Dozent, Coach, PR-Berater, Autor der Fachbücher 'Online Relations' und 'Public Relations'

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